In Memoriam Jan Assmann (1938-2024)

Zum Gedenken an Jan (Johann Christoph) Assmann  (1938 – 2024)

 

  • für die englische Fassung dieses Textes siehe unten.
  • for the English version of this text, see below

 

credit: amnorman

In der Nacht vom 18. auf den 19. Februar starb in Konstanz am Bodensee der große Gelehrte Jan Assmann im Alter von 85 Jahren. Der Ägyptologe, Archäologe, Religionswissenschaftler und Kulturtheoretiker hatte in fünfzig reichen Jahren als Forscher und Universitätslehrer in Heidelberg (Lehrstuhl für Ägyptologie von 1976 bis 2003) und nach seiner Emeritierung als Honorarprofessor für Allgemeine Kulturwissenschaft und Religionstheorie in Konstanz zusammen mit seiner Frau Aleida, Anglistin an der Konstanzer Universität und Kulturtheoretikerin, Ansätze zu einer neuen Kulturtheorie geschaffen, zusammengefasst unter dem Begriff des „Kulturellen Gedächtnisses“. Ihre Wirkung ging weit über die Wissenschaften hinaus, setzt sich in der breiteren Öffentlichkeit bis zum heutigen Tage fort: Ein seltener Fall in den Geisteswissenschaften.

Ermöglicht wurde diese außergewöhnliche Wirkung dadurch, dass Deutschland, dass  Europa und die weitere westliche Welt nach dem Epochenbruch in den neunziger Jahren des 20. und erst recht im 21. Jahrhundert für ihre Selbsterkundung geradezu auf diese Theorie des „Kulturellen Gedächtnisses“ gewartet hatten, sie als Grundlegung ihres Geschichtsdenkens ebenso brauchten wie in der Folge die Forschungsergebnisse von Jan und Aleida Assmann sowie vieler jüngerer Wissenschaftler, die in ihren Spuren gingen und bis heute gehen. Ermöglicht wurde sie auch durch eine Wissenschaftssprache – sehr ungewöhnlich an deutschen Universitäten – die auch für den halbwegs gebildeten Laien verständlich war und die ihre Werke zu spannender Lektüre machte. Das trifft gerade auch für Jan Assmanns große Abhandlung „Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen“ von 1992 zu, aber auch auf die in rascher Folge erscheinenden Studien „Monotheismus und Kosmotheismus“ (1993), „Moses der Ägypter“ (1998) und, zu heftigen Diskussionen auffordernd, auf „Der Monotheismus und die Sprache der Gewalt“ (2006) sowie, noch einmal zusammenfassend, 2018 auf „Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne“. Sie alle wurden in viele Sprachen übersetzt. Dass wir Jan Assmann auch ein wunderbares Buch über Beethovens „Missa solemnis“ verdanken und, last but not least, über Mozarts „Zauberflöte“ sowie den erleuchtenden Kommentar zu Thomas Manns Roman Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ sei für alle potenziellen Leser hinzugefügt.

Die Entscheidung, 2018 Jan und Aleida Assmann den „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ zu verleihen, fand ungeteilten Beifall, der dialogische Charakter ihrer Dankesrede, ein „Wechselgesang“, verdeutlichte noch einmal das fast Einmalige dieser Preisverleihung: Ein Forscherpaar wurde für ihre gemeinsame wissenschaftliche Lebensleistung ausgezeichnet.

Eine andere Auszeichnung hatte schon zuvor die beiden weltgewandten Wissenschaftler nach Amsterdam und in die Herengracht 401 geführt. Aleida Assmann  wurde 2014 mit dem Preis der „Koninklijke Nederlandse Akademie voor Wetenschappen“ (KNAW Heineken Prijs) bedacht und war zusammen mit ihrem Mann hochwillkommer Gast  in der Stiftung, wo sie am Abend des 1. Oktobers 2014 einen viel beachteten Vortrag  unter dem Titel „Forms of Forgetting“ hielt. Im Anschluss an diesen Vortrag führte sie in der Herengracht 401 ein Gespräch, das in das Magazin “Memory Machine – We Are What We Remember”  abgedruckt ist. Diesen Vortrag gab sie freundlicherweise auch für die Publikation „The House of Gisèle“ frei.  Einige Fotoaufnahmen dokumentieren die gelöste freundschaftliche Atmosphäre jener unvergesslichen Begegnung. In der Folge gehörte Aleida Assmann dem Wissenschaftlichen Beirat der Stiftung an und unterstützte in den letzten Jahren H401 mit Rat und Tat, wofür ihr großer Dank gebührt.

Die Stiftung, die Mitarbeiter, ihre Freunde werden nicht nur Jan Assmann ihr treues Gedenken bewahren, sondern auch in den kommenden Jahren wird das Werk beider Gelehrter, wird die Theorie vom „Kulturellen Gedächtnis“  Basis ihrer Arbeit bleiben.

 

ENG

In memory of Jan (Johann Christoph) Assmann (1938 – 2024)

On the night of 18 to 19 February, the great scholar Jan Assmann died in Constance on lake Constance (Germany) at the age of 85. The Egyptologist, archaeologist, religious scholar and cultural theorist had spent fifty rich years as a researcher and university lecturer in Heidelberg (Chair of Egyptology from 1976 to 2003) and, after his retirement, as Honorary Professor of General Cultural Studies and Theory of Religion in Constance  together with his wife Aleida, an English scholar at the University of Constance and cultural theorist, creating approaches to a new cultural theory, summarised under the term “cultural memory”. Their impact went far beyond the sciences, continuing in the wider public sphere to this day: a rare case in the humanities.

 

This extraordinary impact was made possible by the fact that Germany, Europe and the wider Western world had been waiting for this theory of “cultural memory” for their self-exploration after the epochal break in the 1990s and even more so in the 21st century, and needed it as a foundation for their historical thinking as much as they subsequently needed the research findings of Jan and Aleida Assmann and many younger scholars who followed in their footsteps and continue to do so today. It was also made possible by an academic language – very unusual at German universities – that was also understandable for the reasonably educated layperson and which made their works exciting reading. This is particularly true of Jan Assmann’s major treatise “Das kulturelle Gedächtnis. Writing, Memory and Political Identity in Early Advanced Civilisations” from 1992, but also to the studies “Monotheism and Cosmotheism” (1993), “Moses of the Egyptians” (1998) and, prompting heated discussions, “Monotheism and the Language of Violence” (2006), which appeared in rapid succession, and, summarising once again in 2018, “Achsenzeit. An Archaeology of Modernity”. They have all been translated into many languages. The fact that we also owe Jan Assmann a wonderful book on Beethoven’s “Missa solemnis” and, last but not least, on Mozart’s “Magic Flute” as well as the illuminating commentary on Thomas Mann’s novel tetralogy “Joseph and his brothers” should be added for all potential readers.

The decision to award Jan and Aleida Assmann the “Peace Prize of the German Book Trade” in 2018 was met with undivided applause, and the dialogue-like nature of their acceptance speech, an “alternating song”, once again highlighted the almost unique nature of this award ceremony: a pair of researchers were honoured for their joint academic lifetime achievement.

Another award had already brought the two mundane scholars to Amsterdam and Herengracht 401. Aleida Assmann was awarded the prize of the Royal Dutch Academy of Sciences (KNAW Heineken prijs) in 2014 and was a welcome guest at the foundation together with her husband, where she gave a highly acclaimed lecture entitled “Forms of Forgetting” on the evening of 1 October 2014. Following this lecture, she gave a talk at Herengracht 401, which was published in the magazine “Memory Machine – We Are What We Remember” . She kindly released this lecture for the publication „The House of Gisèle“ .  Several photographs document the relaxed, friendly atmosphere of that unforgettable encounter. Aleida Assmann subsequently became a member of the Foundation’s Academic Council and has supported H401 with advice and assistance in the recent years, for which she deserves great thanks.

The Foundation, its staff and friends will not only honour the memory of Jan Assmann, but the work of both scholars and the theory of “cultural memory” will remain the basis of their work in the years to come.

Zum Gedenken an Jan (Johann Christoph) Assmann (1938 – 2024)

Zum Gedenken an Jan (Johann Christoph) Assmann (1938 - 2024) - für die englische Fassung dieses Textes siehe unten. - for the English version of this text, see below In der Nacht vom 18. auf den 19. Februar starb in Konstanz am Bodensee der große Gelehrte Jan Assmann im Alter von 85 Jahren. Der Ägyptologe, Archäologe, Religionswissenschaftler und Kulturtheoretiker hatte in fünfzig reichen Jahren als Forscher und Universitätslehrer in Heidelberg (Lehrstuhl für Ägyptologie von 1976 bis 2003) und nach seiner Emeritierung als Honorarprofessor für Allgemeine Kulturwissenschaft und Religionstheorie in Konstanz zusammen mit seiner Frau Aleida, Anglistin an der Konstanzer Universität und Kulturtheoretikerin, Ansätze zu einer neuen Kulturtheorie geschaffen, zusammengefasst unter dem Begriff des „Kulturellen Gedächtnisses“. Ihre Wirkung ging weit über die Wissenschaften hinaus, setzt sich in der breiteren Öffentlichkeit bis zum heutigen Tage fort: Ein seltener Fall in den Geisteswissenschaften. Ermöglicht wurde diese außergewöhnliche Wirkung dadurch, dass Deutschland, dass Europa und die weitere westliche Welt nach dem Epochenbruch in den neunziger Jahren des 20. und erst recht im 21. Jahrhundert für ihre Selbsterkundung geradezu auf diese Theorie des „Kulturellen Gedächtnisses“ gewartet hatten, sie als Grundlegung ihres Geschichtsdenkens ebenso brauchten wie in der Folge die Forschungsergebnisse von Jan und Aleida Assmann sowie vieler jüngerer Wissenschaftler, die in ihren Spuren gingen und bis heute gehen. Ermöglicht wurde sie auch durch eine Wissenschaftssprache - sehr ungewöhnlich an deutschen Universitäten – die auch für den halbwegs gebildeten Laien verständlich war und die ihre Werke zu spannender Lektüre machte. Das trifft gerade auch für Jan Assmanns große Abhandlung „Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen“ von 1992 zu, aber auch auf die in rascher Folge erscheinenden Studien „Monotheismus und Kosmotheismus“ (1993), „Moses der Ägypter“ (1998) und, zu heftigen Diskussionen auffordernd, auf „Der Monotheismus und die Sprache der Gewalt“ (2006) sowie, noch einmal zusammenfassend, 2018 auf „Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne“. Sie alle wurden in viele Sprachen übersetzt. Dass wir Jan Assmann auch ein wunderbares Buch über Beethovens „Missa solemnis“ verdanken und, last but not least, über Mozarts „Zauberflöte“ sowie den erleuchtenden Kommentar zu Thomas Manns Roman Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ sei für alle potenziellen Leser hinzugefügt. Die Entscheidung, 2018 Jan und Aleida Assmann den „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ zu verleihen, fand ungeteilten Beifall, der dialogische Charakter ihrer Dankesrede, ein „Wechselgesang“, verdeutlichte noch einmal das fast Einmalige dieser Preisverleihung: Ein Forscherpaar wurde für ihre gemeinsame wissenschaftliche Lebensleistung ausgezeichnet. Eine andere Auszeichnung hatte schon zuvor die beiden weltgewandten Wissenschaftler nach Amsterdam und in die Herengracht 401 geführt. Aleida Assmann wurde 2014 mit dem Preis der „Koninklijke Nederlandse Akademie voor Wetenschappen“ (KNAW Heineken Prijs) bedacht und war zusammen mit ihrem Mann hochwillkommer Gast in der Stiftung, wo sie am Abend des 1. Oktobers 2014 einen viel beachteten Vortrag unter dem Titel „Forms of Forgetting“ hielt. Im Anschluss an diesen Vortrag führte sie in der Herengracht 401 ein Gespräch, das in das Magazin “Memory Machine – We Are What We Remember” abgedruckt ist. Diesen Vortrag gab sie freundlicherweise auch für die Publikation „The House of Gisèle“ frei. Einige Fotoaufnahmen dokumentieren die gelöste freundschaftliche Atmosphäre jener unvergesslichen Begegnung. In der Folge gehörte Aleida Assmann dem Wissenschaftlichen Beirat der Stiftung an und unterstützte in den letzten Jahren H401 mit Rat und Tat, wofür ihr großer Dank gebührt. Die Stiftung, die Mitarbeiter, ihre Freunde werden nicht nur Jan Assmann ihr treues Gedenken bewahren, sondern auch in den kommenden Jahren wird das Werk beider Gelehrter, wird die Theorie vom „Kulturellen Gedächtnis“ Basis ihrer Arbeit bleiben. ENG In memory of Jan (Johann Christoph) Assmann (1938 - 2024) On the night of 18 to 19 February, the great scholar Jan Assmann died in Constance on lake Constance (Germany) at the age of 85. The Egyptologist, archaeologist, religious scholar and cultural theorist had spent fifty rich years as a researcher and university lecturer in Heidelberg (Chair of Egyptology from 1976 to 2003) and, after his retirement, as Honorary Professor of General Cultural Studies and Theory of Religion in Constance together with his wife Aleida, an English scholar at the University of Constance and cultural theorist, creating approaches to a new cultural theory, summarised under the term "cultural memory". Their impact went far beyond the sciences, continuing in the wider public sphere to this day: a rare case in the humanities. This extraordinary impact was made possible by the fact that Germany, Europe and the wider Western world had been waiting for this theory of "cultural memory" for their self-exploration after the epochal break in the 1990s and even more so in the 21st century, and needed it as a foundation for their historical thinking as much as they subsequently needed the research findings of Jan and Aleida Assmann and many younger scholars who followed in their footsteps and continue to do so today. It was also made possible by an academic language - very unusual at German universities - that was also understandable for the reasonably educated layperson and which made their works exciting reading. This is particularly true of Jan Assmann's major treatise "Das kulturelle Gedächtnis. Writing, Memory and Political Identity in Early Advanced Civilisations" from 1992, but also to the studies "Monotheism and Cosmotheism" (1993), "Moses of the Egyptians" (1998) and, prompting heated discussions, "Monotheism and the Language of Violence" (2006), which appeared in rapid succession, and, summarising once again in 2018, "Achsenzeit. An Archaeology of Modernity". They have all been translated into many languages. The fact that we also owe Jan Assmann a wonderful book on Beethoven's "Missa solemnis" and, last but not least, on Mozart's "Magic Flute" as well as the illuminating commentary on Thomas Mann's novel tetralogy "Joseph and his brothers" should be added for all potential readers. The decision to award Jan and Aleida Assmann the "Peace Prize of the German Book Trade" in 2018 was met with undivided applause, and the dialogue-like nature of their acceptance speech, an "alternating song", once again highlighted the almost unique nature of this award ceremony: a pair of researchers were honoured for their joint academic lifetime achievement. Another award had already brought the two mundane scholars to Amsterdam and Herengracht 401. Aleida Assmann was awarded the prize of the Royal Dutch Academy of Sciences (KNAW Heineken prijs) in 2014 and was a welcome guest at the foundation together with her husband, where she gave a highly acclaimed lecture entitled "Forms of Forgetting" on the evening of 1 October 2014. Following this lecture, she gave a talk at Herengracht 401, which was published in the magazine “Memory Machine – We Are What We Remember” . She kindly released this lecture for the publication „The House of Gisèle“ . Several photographs document the relaxed, friendly atmosphere of that unforgettable encounter. Aleida Assmann subsequently became a member of the Foundation's Academic Council and has supported H401 with advice and assistance in the recent years, for which she deserves great thanks. The Foundation, its staff and friends will not only honour the memory of Jan Assmann, but the work of both scholars and the theory of "cultural memory" will remain the basis of their work in the years to come.